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Leiser Ausstieg: Großbritannien hat Atomkraftwerke mit 7.900 MW Leistung abgeschaltet

© EDF Energy, Hunterston© EDF Energy, HunterstonMünster – In Großbritannien stehen immer weniger Atomkraftwerke für die Stromversorgung zur Verfügung. Mit der aktuellen Stilllegung des Atomkraftwerks Hunterston B-2 steigt die abgeschaltete AKW-Kraftwerksleistung auf der britischen Insel mittlerweile auf 7.900 MW an. Auch in den nächsten Jahren geht die Stilllegungswelle alter Kernkraftwerke weiter.

Von den einst 45 Atomkraftwerken auf der Insel sind derzeit nur noch 11 britische Kernkraftwerke am Netz, Tendenz weiter sinkend. Das geht aus den Daten der IAEA (International Atomic Energy Agency) hervor. Allein in den letzten acht Monaten haben die Briten vier Atomkraftwerke mit einer Bruttoleistung von rd. 2.500 MW abgeschaltet. Der aktuelle Bau des einzigen Ersatz-Atomkraftwerks kann den Niedergang der Atomenergie auf der Insel nicht aufhalten.

Schleichender Atomausstieg in UK: 34 Atommeiler mit 7.900 MW Atomkraftleistung bereits abgeschaltet
Während in Deutschland der Ausstieg aus der Atomenergie und die Stilllegung der Atomkraftwerke medial aufgeladen wird, schrumpft die Atomkraftwerksflotte in Großbritannien weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit auch ohne politisches Zeichen rasant. Insgesamt 45 Atomkraftwerke mit einer Bruttoleistung von 15.700 MW wurden in Großbritannien bisher gebaut, mittlerweile sind allerdings schon 34 britische Kernkraftwerke mit einer Leistung von fast 7.900 MW wieder abgeschaltet und endgültig stillgelegt worden. Dieser Abwärtstrend setzt sich im laufenden Jahr 2022 weiter fort.

Für den Rückbau der Atomkraftwerke muss derweil immer mehr Geld aufgebracht werden. Die britische Regierung gibt Kosten in Höhe von jährlich 3 Mrd. britischen Pfund (akt. 3,6 Mrd. Euro) an, von denen zwei Drittel vom britischen Staat, d.h. vom britischen Steuerzahler, übernommen werden. Ein Endlager für den Atommüll ist noch nicht gefunden, 70 bis 75 Prozent der hochradioaktiven Abfälle werden derzeit in dem Nuklearkomplex von Sellafield in West-Cumbria zwischengelagert.

Trend Atomenergie: AKW-Kraftwerksflotte in Großbritannien schrumpft gewaltig
Im letzten Jahr 2021 sind in Großbritannien drei Atomkraftwerke stillgelegt worden und damit genauso viele wie in Deutschland. Bereits seit Juni 2021 produzieren die AKW-Blöcke Dungeness B-1 und Dungeness B-2 mit je 615 MW Bruttoleistung keinen Atomstrom mehr. Am südwestlich von Folkestone gelegenen Standort endet damit die Nutzung der Atomenergie komplett. Ende 2021 folgte dann die vorzeitige Abschaltung des schottischen Atomkraftwerks Hunterston B-1 (644 MW) am 26.11.2021 wegen des Auftretens zu vieler Risse im Graphitkern.

Und auch das neue Jahr 2022 startet gleich mit einer weiteren AKW-Abschaltung eines britischen Atomkraftwerks. Mit der Stilllegung des Blocks Hunterston B-2 am 07.01.2022 nahe der schottischen Kleinstadt West Kilbride endet auch an diesem AKW-Standort die Produktion von Atomstrom vollständig.

In Großbritannien sind aktuell (Stand: 11.01.2021) nur noch 11 britische Atomkraftwerke mit einer Bruttoleistung von rd. 7.844 MW operativ am Netz. Aber die Schrumpfungswelle setzt sich schon 2022 weiter fort. Spätestens im Juli 2022 soll das Atomkraftwerk Hinkley Point B mit zwei weiteren Blöcken (B1 und B2) endgültig vom Netz gehen. An dem AKW-Standort Heysham sind derzeit zwar noch vier Blöcke mit einer Bruttoleistung von rd. 2.600 MW in Betrieb. Nach einer aktuellen BBC-Meldung vom 10.01.2022 wird Heysham 1 im Jahr 2024 abgeschaltet, in demselben Jahr ist auch die Abschaltung des Atomkraftwerks Hartlepool 1 geplant. Die Stilllegung von Heysham 2 soll laut BBC bisher um zwei Jahre auf das Jahr 2028 vorgezogen werden.

Schottland: Stromversorgung ohne Atomstrom – Erneuerbare Energien und Wasserstoff im Fokus
In Schottland werden nach der jetzigen Stilllegung von Hunterstone B-2 am 07.01.0222 derzeit noch zwei kleinere AKW-Blöcke (Torness 1 und Torness 2) mit je 680 MW Bruttoleistung von EDF Energy betrieben, Tochter des staatlich dominierten französischen Energieversorger EDF. Allerdings hat EDF Energy Ende 2021 auch hier in einem Schreiben mitgeteilt, dass das Atomkraftwerk Torness wegen vorhandener Risse früher schließen muss als eigentlich geplant. Wegen „Auswirkungen auf die Graphitkerne“ soll das letzte schottische Atomkraftwerk nicht erst 2030, sondern schon im März 2028 endgültig vom Netz gehen. Das hatte eine neuerliche Überprüfung der Lebensdauer des AKW Torness durch EDF ergeben.

Geht es nach der schottischen Regierung, wird in Schottland kein neues Atomkraftwerk mehr gebaut. In der im Dezember 2017 veröffentlichten „Scottish Energy Strategy“ hatte die schottische Regierung ihre Ablehnung zum Bau neuer Atomkraftwerke noch einmal bekräftigt. Schottland will in Zukunft den Schwerpunkt auf erneuere Energien (Offshore Windenergie) und auf Wasserstoff setzen. Bereits 2019 konnte Schottland das Äquivalent von 90 Prozent des Bruttostromverbrauchs durch regenerative Energien decken, so die schottische Regierung.

England: Ersatz-Atomkraftwerk Hinkley Point C mit Hilfe der Chinesen
Im Unterschied zur schottischen setzt die britische Regierung weiter auf Atomenergie. Der französisch-staatliche Energieversorger EDF baut mit Hilfe des staatlich-chinesischen Atomkonzerns CGN das einzige britische Ersatz-Atomkraftwerke Hinkley Point C nahe Bridgewater, Somerset, im Südwesten von England. Die Kosten für die zwei AKW-Blöcke mit je 1.720 MW Bruttoleistung sollen sich auf über 30 Milliarden Euro belaufen. Der Bau konnte allerdings erst beginnen, als die britische Regierung dem Betreiber eine staatlich garantierte Stromeinspeisevergütung für den Atomstrom in Höhe von 92,5 britischen Pfund (£) pro MWh (ca. 11 ct/kWh) zuzüglich Inflationsausgleich über 35 Jahre zusicherte.

Schon im Mai 2021 stellte die BBC in einem Beitrag allerdings fest, dass der Atomstrom damit im Vergleich zum damaligen Preis für den Offshore Windstrom (40 £ / MWh) schon mehr als doppelt so teuer war.

Eigentlich ist vorgesehen, dass der erste Block des neuen AKW Hinkley Point C schon 2026 in Betrieb geht. Experten bezweifeln, dass der Zeitplan eingehalten werden kann. Der Baustart eines gleichen Anlagentyps im französischen Flamanville erfolgte 2007, die Inbetriebnahme war für 2012 vorgesehen, doch bis heute ist das Atomkraftwerk Flamanville bei explodierenden Kosten noch immer nicht am Netz.

Trost für die britischen Steuerzahler: für steigende Baukosten des AKW Hinkley Point C muss der britische Steuerzahler nicht aufkommen, Baukostenüberschreitungen würden erst zu Lasten der Rendite des staatlichen Energiekonzerns EDF gehen, wenn es jedoch gar nicht klappt, würden die Belastungen durch Bau-Mehrkosten dann hauptsächlich beim französischen Steuerzahler hängen bleiben.

© IWR, 2022


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11.01.2022

 



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