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Umstrittene CO2-Speicherung: Reiche treibt CO2-Export nach Dänemark und in die Niederlande voran

Berlin - Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche treibt den geplanten Export von Kohlendioxid (CO2) zur dauerhaften Speicherung unter dem Meeresboden voran. Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWE) hat dazu zwei Absichtserklärungen mit Dänemark und den Niederlanden unterzeichnet. Konkrete Exportmengen, Speicherstandorte oder Finanzierungsvereinbarungen wurden nicht bekannt gegeben.

Die Vereinbarungen sind ein weiterer politischer Schritt beim Aufbau einer grenzüberschreitenden Infrastruktur zur CO2-Entsorgung unter dem Meeresboden. Trotz geschaffener rechtlicher Grundlagen steht der kommerzielle CCS-Markt noch am Anfang. Speicherkapazitäten, Transport und Finanzierung bleiben zentrale Herausforderungen. Das Umweltbundesamt (UBA) fordert, dass die Vermeidung von CO2-Emissionen Vorrang vor deren Abscheidung und Speicherung haben muss.

CO2-Export: Absichtserklärungen noch ohne konkrete Transport- und Speicherverträge
Die Absichtserklärungen wurden am 6. Oktober 2026 von BMWE-Staatssekretär Frank Wetzel unterzeichnet. Anlass war der erste Strategische Dialog des Carbon Management Forums in Berlin. Mit der Zusammenarbeit will die Bundesregierung grenzüberschreitende Transport- und Speicherlösungen für abgeschiedenes CO2 voranbringen. Konkrete Vereinbarungen über Transportmengen oder Speicherkapazitäten wurden nicht bekannt gegeben.

CCS (Carbon Capture and Storage) ist insbesondere für schwer vermeidbare Industrieemissionen vorgesehen, etwa bei der Zement- und Kalkherstellung. Anders als bei der dauerhaften Speicherung wird abgeschiedenes CO2 bei Carbon Capture and Utilization (CCU) als Rohstoff genutzt, beispielsweise für chemische Produkte oder Kraftstoffe. Die Klimawirkung hängt dabei vom jeweiligen Verfahren und der Dauer der CO2-Bindung ab.

CO2-Speicherung unter dem Nordsee-Meeresboden: Von der Industrieanlage bis ins Gestein
Für den Export muss CO2 zunächst direkt an Industrieanlagen abgeschieden werden. Dazu können beispielsweise chemische Waschverfahren eingesetzt werden, die Kohlendioxid aus den Abgasen abtrennen. Anschließend wird das Gas gereinigt, verdichtet und für den Transport aufbereitet.

Der Transport kann über spezielle CO2-Pipelines oder per Schiff erfolgen. Für den Schiffstransport wird das CO2 unter Druck verflüssigt und in Tanks befördert. Am Zielort gelangt es über Leitungen zu den Speicherstätten.

Die Speicherung erfolgt nicht durch eine Einleitung ins Meerwasser. Vielmehr wird das CO2 über Bohrungen tief unter dem Meeresboden in poröse Gesteinsschichten gepresst, beispielsweise in erschöpfte Erdgaslagerstätten oder salzwasserführende Sandsteinformationen. Undurchlässige Deckschichten sollen verhindern, dass das CO2 wieder aufsteigt. Die Speicher müssen geologisch untersucht und langfristig überwacht werden, da mögliche Leckagen Umweltgefahren verursachen können.

Klimaschutzszenario: Deutsche CO2-Exportmengen und reale Speicherkapazitäten offen
Welche CO2-Mengen Deutschland künftig exportieren könnte, ist offen. Im Klimaschutzszenario CARETarget geht das UBA für 2045 von jährlich 16,3 Millionen Tonnen CO2-Äquivalenten aus fossilen und weiteren 9,1 Millionen Tonnen aus biogenen Quellen aus, die abgeschieden und gespeichert werden. Die Speicherung biogenen CO2 kann dabei zur Entnahme von Kohlendioxid aus der Atmosphäre beitragen. Bei diesen Mengen handelt es sich um Szenariowerte für Deutschland, nicht um vereinbarte Exportmengen.

In den Niederlanden soll das Speicherprojekt Porthos frühestens in der zweiten Jahreshälfte 2027 den Betrieb aufnehmen und jährlich rund 2,5 Millionen Tonnen CO2 speichern. Die Kapazitäten sind für vier Industrieunternehmen im Rotterdamer Hafen vorgesehen: Air Liquide, Air Products, ExxonMobil und Shell.

In Dänemark wurde das Speicherprojekt Greensand am 18. September 2026 offiziell eröffnet. Die erste kommerzielle Phase ist auf bis zu 400.000 Tonnen CO2 jährlich ausgelegt, das hauptsächlich aus dänischen Biomethananlagen stammt. Langfristig nennen die Betreiber ein Ausbaupotenzial von 4 bis 8 Millionen Tonnen pro Jahr. Für deutsche CO2-Exporte stehen damit bislang keine konkret zugesagten Kapazitäten fest.

CO2-Speicherung: Finanzierung ungeklärt - Klimawirkung bleibt umstritten
Mit der Novelle des Kohlendioxid-Speicherung-und-Transport-Gesetzes (KSpTG) hat Deutschland Ende 2025 den Rechtsrahmen für den Aufbau einer CO2-Infrastruktur und die geologische Speicherung erweitert. Die Nutzung der Transport- und Speicherinfrastruktur für CO2 aus der Kohleverbrennung zur Energieerzeugung ist dabei für die gesetzlich erfassten Anlagen ausgeschlossen. Ergänzende gesetzliche und völkerrechtliche Regelungen schaffen Voraussetzungen für grenzüberschreitende CO2-Exporte zur Offshore-Speicherung.

Ob die neuen Absichtserklärungen bereits die für konkrete Exporte erforderlichen zwischenstaatlichen Vereinbarungen nach Artikel 6 des Londoner Protokolls erfüllen, lässt sich anhand der bislang veröffentlichten Informationen nicht beurteilen.

Offen bleibt auch die Finanzierung. CO2-Abscheidung, Transport und Speicherung erfordern erhebliche Investitionen. Die Absichtserklärungen enthalten keine Angaben darüber, welche Kosten die Industrieunternehmen tragen und in welchem Umfang staatliche Fördermittel oder öffentliche Risikoabsicherungen eingesetzt werden sollen.

Das UBA warnt davor, CCS als Ersatz für die direkte Vermeidung von Treibhausgasemissionen einzusetzen. In einem Positionspapier von 2023 fordert die Behörde, die Technologie auf langfristig unvermeidbare Restemissionen zu begrenzen. CCS dürfe weder den Ausstieg aus fossilen Energieträgern verzögern noch den Ausbau erneuerbarer Energien behindern. Kritisch sieht das UBA zudem den zusätzlichen Energiebedarf sowie mögliche Risiken durch Leckagen.

Ausblick: Bundesregierung bereitet weitere Maßnahmen vor
Zur Unterstützung des Markthochlaufs erarbeitet das BMWE einen Aktionsplan Carbon Management. Grundlage sind unter anderem Vorschläge des im Mai 2026 gegründeten Carbon Management Forums mit rund 200 Beteiligten aus mehr als 120 Organisationen.

Vier Arbeitsgruppen befassen sich mit CO2-Quellen, Transport, Speicherung und Nutzung. Eine zusätzliche Taskforce entwickelt Vorschläge zur Verringerung von Investitionsrisiken und zur Finanzierungssicherheit. Der Aktionsplan soll diese Arbeiten aufgreifen und Maßnahmen für den Aufbau der Infrastruktur zusammenführen.

Deutschland tritt dabei in einen bereits entstehenden europäischen Markt ein. Dänemark und die Niederlande haben 2023 eine Vereinbarung zum grenzüberschreitenden CO2-Transport geschlossen. Auch Norwegen entwickelt Speicherinfrastruktur für CO2 aus europäischen Industriestandorten.

Die Absichtserklärungen mit Dänemark und den Niederlanden schaffen damit zunächst einen politischen Rahmen für künftige deutsche CO2-Exporte. Für einen funktionierenden Markt fehlen jedoch noch konkrete Transport- und Speichervereinbarungen sowie tragfähige Finanzierungsmodelle. Zugleich bleibt die Frage offen, welche Industrieemissionen langfristig tatsächlich unvermeidbar sind und für welche Anwendungen die aufwendige CO2-Abscheidung und -Speicherung erforderlich ist.

© IWR, 2026


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